Initiativen Fluglärm in Mainz und Rheinhessen : Lärmschutz um den Frankfurter Flughafen

(Auszüge)

2.11.2011

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

in der Anlage finden Sie einen Link zu Videos der gestrigen Reden im hessischen Landtag.

Obwohl im Zuschauerbereich noch ca. 60 Plätze frei waren, hatte man mir gestern morgen von der Landtagsverwaltung versichert, dass keine Karten mehr zur Verfügung stehen. Sehr verwunderlich. Möglicherweise kennt man dort meinen Namen.

Wohlgemerkt - ich habe im hessischen Landtag niemals demonstriert, bin nie aufgefallen und habe auch kein Hausverbot.

Vor dem Landtag, außerhalb der Bannmeile, hatten sich ca. 250 Bürger völlig friedlich versammelt, welche die Wahrung Ihrer grundgesetzlich geschützten Rechte verlangen. Es waren Bürger aus Flörsheim, Kelsterbach, Mörfelden, Mainz, Wiesbaden - aus der ganzen Region anwesend.

Das Angebot der Fraktion "Die Linke" eine Gruppe von 50 Personen, in ihre eigenen Räume einzuladen und die Sitzung an Hand einer Großbildprojektion verfolgen zu lassen, was am Vortag mit der Verwaltung abgestimmt war, wurde vom Landtagspräsidenten unmittelbar vor der Sitzung verboten. Entsprechende Beschwerden der Fraktion haben nicht zum Erfolg geführt. Da solche Besuchergruppen durchaus üblich sind, ist dieses Verhalten der Landtagsverwaltung ebenso zu beanstanden, wie die Nichtnutzung verfügbarer Besucherplätze auf den Besucherrängen. Zudem wurde die Fraktion verpflichtet eine Fotoausstellung von Walter Keber, über die Auseinandersetzungen um die Startbahn 18 West, in den Räumen der Fraktion abzuhängen.

Völlig unabhängig von meiner eigenen politischen Einstellung, bin ich der Überzeugung, dass dieses Verhalten einer Demokratie nicht würdig ist. In einer funktionierenden Demokratie muss es Grundsatz bleiben, dass jeder Fraktion die selben Rechte zustehen. Wo sollte es hin führen, wenn der Oppositionsfraktion weniger Rechte zugestanden werden, als den Regierungsfraktionen. Schließlich ist es Aufgabe des Parlamentes die Arbeit der Regierung zu kontrollieren. Hier spielt die Opposition eine äußerst wichtige Rolle.

Mit freundlichen Grüßen
Dietrich Elsner
Sprecher des Arbeitskreis Fluglärm Mainz-Lerchenberg
Koordinator der Initiativen Fluglärm in Mainz und Rheinhessen

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31.10.2011

Am 28.10.2011 gab es in der Frankfurter Neue Presse ein Interview mit dem Verwaltungsrechtler Prof. Rudolf Steinberg, und darüber, warum das vorläufige Nachtflugverbot keinen Bestand haben kann, siehe Link.

http://www.fnp.de/fnp/region/hessen/nachtflugverbot-h-lt-nicht_rmn01.c.9319067.de.html

 

Prof. Steinberg war Präsident der Goethe-Universität in Frankfurt und in dieser Eigenschaft saß er im Beirat der Erich-Becker-Stiftung. Die Stiftung ist eine Stiftung der Fraport AG.


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2.11.2011

Liebe Mitstreiter,

ich war gestern auch in Wiesbaden, deshalb meinerseits ein paar Anmerkungen dazu:

Es war richtig, dass wir dorthin gefahren sind, um zu demonstrieren. Wie groß die Angst der Landtagsverwaltung und des Landtagspräsidenten (Herrn Kartmann von der CDU) war, kann man an drei Dingen sehr deutlich erkennen:

  1. Auf 200 Demonstranten kamen vierhundert Polizisten, die  rund um den Landtag und noch in einigen Seitenstraßen postiert waren. Man hätte als unbefangener Beobachter den Eindruck gewinnen können, die Demonstranten wollten den Landtag stürmen.
  2. Bereits vor Beginn der Plenardebatte hat der Ältestenrat in einer Sitzung beschlossen, dass die LINKEN die Fotoausstellung: „Alle 25 Jahre in den Wald…? zur Auseinandersetzung um die Flughafenerweiterung in Frankfurt von 1970 bis heute“ in ihren Fraktionsräumen abhängen müssen und diese nicht, wie ursprünglich geplant, bis Ende November 2011 dort hängen bleiben kann.
  3. Mit Hinweis auf eine „ungeklärte Sicherheitslage“ wurde 50 Teilnehmern der Demonstration der Zutritt zu den Fraktionsräumen der LINKEN verwehrt. Sie wollten sich dort die Fotoausstellung ansehen und im Fraktionssitzungssaal der LINKEN die Landtagsdebatte mit verfolgen. Die Forderung der Fraktion die LINKEN durch eine Ältestenratssitzung abzuklären, ob diese Anweisung des Landtagspräsidenten gerechtfertigt sei, nachdem Tags zuvor der LINKEN diese Besuchergruppe zu gesichert wurde, ist ein einmaliger Falle in der Geschichte des Landtages. Teile der betroffenen Bürgerinnen und Bürger werden daran gehindert, ihr demokratisches Recht wahrzunehmen und den Hessischen Landtag zu besuchen!!! Die ist eigentlich nur in den sogenannten Bananenrepubliken möglich.

Ich hätte es aufgrund dieses skandalösen Verhaltens der Landtagsverwaltung für richtig erachtet, wenn alle Demonstranten sich in die  Bannmeile begeben hätten, um ihren Protest zum Ausdruck zu bringen. Nach meiner Einschätzung hätte es sich die Polizei angesichts der vielen Bürger, die zum Einkaufen auf den Straßen waren, nicht erlauben können, gewaltsam gegen die Demonstranten vorzugehen. Beim nächsten Mal sollten wir diese Aktion machen und das Bannmeilengesetz ignorieren.

Außerdem schlage ich vor, nicht erst im Februar nächsten Jahres eine Demonstration im Terminal 1 zu machen, sondern noch vor Weihnachten einen entsprechenden Termin zu finden. Wir dürfen jetzt keine Ruhe geben, sondern der Politik und Luftfahrtlobby das Leben schwer machen. Jede Aktion nervt diese Damen und Herren, deshalb jetzt nicht nachlassen.

Mit den besten Grüßen

Dirk Treber
Interessengemeinschaft zur Bekämpfung des Fluglärms (IGF)

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Pressemitteilung

Wiesbaden, 1. November 2011

Landtagssondersitzung zum Fluglärm: Besuchern der LINKEN wird der Einlass verwehrt

Die Fraktion DIE LINKE hatte Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Protestkundgebung gegen den Flughafenausbau und für ein Nachtflugverbot ermöglichen wollen, im Fraktionssaal per Videoübertragung der Sondersitzung des Landtags zu folgen. Das wurde der LINKEN untersagt. Dazu erklärt Marjana Schott, umweltpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Hessischen Landtag:

„Was für ein fatales Signal: Für die für die Kundgebung angereisten, fluglärmgeplagten Menschen bleibt der Hessische Landtag verschlossen. Dieses Verhalten passt zur Politik der schwarz-gelben Landesregierung in Hessen: verschlossene Türen für das Gros der Bevölkerung – offene Türen für Vertreter von Fraport, Lufthansa und Co.

Es steht für einen erschreckenden Mangel an Souveränität, sich gegenüber den Menschen, die Opfer einer verfehlten Verkehrspolitik sind, abzuschotten.“

Wenn die Landesregierung glaube, auf diese Weise die Proteste klein halten zu können, habe sie sich getäuscht. Entscheidungen wie die heutige würden den Protest und Widerstand gegen eine Politik des ‚Schneller, Höher, Weiter‘ nur weiter anfeuern – und das sei letztlich gut so.

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Thomas Klein
Pressesprecher 
Fraktion DIE LINKE im Hessischen Landtag
Schlossplatz 1-3  
65183 Wiesbaden
Tel: 0611 / 350.6079  -  Fax: 0611 / 350.6091
Mail: presse-linke@ltg.hessen.de
Web: www.Linksfraktion-hessen.de

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2.11.2011

Höchster Kreisblatt:

Jet fegt Ziegel vom Dach
Eine Wirbelschleppe sorgt für Schäden an einem Gebäude, das nur wenige Meter vom Kindergarten entfernt ist Seit der Eröffnung der Nordwest-Landebahn vor 12 Tagen ist es der zweite Vorfall, der von einem landenden Flugzeug ausgelöst wurde. Beim ersten Mal fiel eine ölhaltige Substanz aus der Landeklappe eines Jets auf ein Anwesen in der Lahnstraße, beim zweiten Vorfall rissen Luftwirbel, die von einem Düsentriebwerk ausgelöst wurden, mehrere Ziegel vom Hausdach.

Von Niklaus Mehrfeld

Flörsheim. Beschreibung: Uwe Schüttler (links) und Mario Müller bringen am First des Hausdaches die neuen Ziegel an. Insgesamt elf Ziegelsteine waren durch die Wirbelschleppe eines Flugzeuges von dem Dach gerissen (kleines Foto) worden und krachten auf den Gehweg vor dem Haus. Fotos: Hans Nietner, Uwe Schüttler (links) und Mario Müller bringen am First des Hausdaches die neuen Ziegel an. Insgesamt elf Ziegelsteine waren durch
die Wirbelschleppe eines Flugzeuges von dem Dach gerissen (kleines Foto) worden und krachten auf den Gehweg vor dem Haus. Fotos: Hans Nietner Elf Dachziegel fielen am Dienstag aus einer Höhe von circa neun Metern von einem Hausdach in der Hennebergstraße im Neubaugebiet Nord. Personen wurden nicht verletzt. Das Gebäude liegt nur wenige Meter von der Kindertagesstätte "Villa Kunterbunt" in der Adam-Opel-Straße entfernt.  Gestern waren Mitarbeiter einer Flörsheimer Dachdecker-Firma damit beschäftigt, das durch den Absturz der elf Ziegeln verursachte "Loch" auf dem Hausdach wieder mit Ziegeln neu einzudecken. Einer der Dachdecker, die gestern mit den Arbeiten auf dem Gebäude beschäftigt waren, berichtete, dass seine Kollegen und er bisher bei ähnlichen Fällen in Raunheim auf die Dächer gestiegen sind.

Ziegelfall in Raunheim
In der Nachbarstadt Raunheim ist es nämlich schon seit vielen Jahren in unregelmäßigen Abständen an der Tagesordnung, dass Dachziegel von den Hausdächern fallen. Grund dafür sind die ebenfalls in niedriger Höhe über der Stadt fliegenden Maschinen, die bei ihren Landeanflügen unbewohnte und bewohnte Gebäude in Raunheim überfliegen. Der Sog, der dabei über den Hausdächern entsteht, hebt die Ziegel an und reißt sie aus Dachlage heraus. Glücklicherweise wurden bisher nur wenige Menschen von den herabfallenden Ziegeln leicht verletzt. Bei den meisten anderen Fällen wurden nur Sachschäden gemeldet. Fraport-Mitarbeiter sind nach solchen Unglücksfällen stets schnell zur Stelle, um den Vorfall zu dokumentieren. Steht fest, dass es sich bei den abgestürzten Dachziegeln um die Folge eines Überfluges handelt, so übernimmt die Fraport sämtliche Kosten zur Schadensbeseitigung. Auch bei Personenschäden, wie es juristisch heißt, tritt sie als Zahlerin der anfallenden Behandlungskosten auf.

Kosten-Übernahme
Bei dem Fall in der Hennebergstraße ist es genau so. Auf Anfrage des Kreisblatts erklärte Fraport-Mitarbeiter Frank Cornelius, dass die Fraport AG als Betreiber des Frankfurter Flughafens gesetzlich verpflichtet sei, für die Schäden aufzukommen. Zudem wolle die Fraport aber auch "als guter Nachbar" wahrgenommen werde. Alle anfallenden Kosten für die Reparatur des Hausdaches übernehme selbstverständlich der Flughafenbetreiber. Der Hauseigentümer habe eine dementsprechende Mitteilung bereits erhalten. "Man darf diese Fälle nicht auf die leichte Schulter nehmen", sagte Frank Cornelius zu dem zweiten Fall innerhalb von zwölf Tagen im Baugebiet Nord. Von einem weiteren Ziegel-Absturz in der Schönbornstraße wusste Frank Cornelius gestern nichts. "Ich weiß nur von dem Vorfall in der Hennebergstraße", sagt der Fraport-Mitarbeiter.

Wie bereits berichtet, waren ölhaltige Rückstände aus der Landeklappe eines Flugzeugs auf ein Anwesen in der Lahnstraße gestürzt und hatten unter anderem die Fassade des Hauses verschmutzt. "Das sah hier ganz wild aus", hatte Hausbesitzer Josef Auth gegenüber dem Kreisblatt erklärt. Er sei dann zur Polizeistation gefahren und habe den Vorfall gemeldet. Auth hatte die Beamten außerdem aufgefordert, sich die Verschmutzungen auf seinem Grundstück anzusehen. Wenige später seien dann Polizei sowie Mitarbeiter der Fraport gekommen und hätten sich von der öligen Substanz, die auf sein Areal gefallen war, einen Eindruck verschafft. Später sei ein Polizeihubschrauber über dem Haus gekreist und habe Aufnahmen gemacht.

Bürgermeister Michael Antenbrink sei ebenfalls zu seinem Haus gekommen, um sich einen Eindruck von dem Malheur zu machen. Wie Frank Cornelius von der Fraport AG erläuterte, bestand nach den Labor-Untersuchungen die Flüssigkeit, die aus der Landeklappe eines Flugzeuges gefallen war, aus Wasser sowie ölhaltigen Reinungswachsresten.

Um Bremsflüssigkeit oder Desinfektionsmittel von Toilettenanlagen, wie zuerst vermutet wurde, habe es sich dabei aber nicht gehandelt, sagte Cornelius. Dies hätte das Labor-Ergebnis eindeutig ergeben.

Kommentare
Genervter Anwohner schrieb am 02.11.2011 06:52 Uhr
Egal was es ist
Ist es nicht egal was vom Himmel kommt...schlimm genug das etwas runter kommt...schlimm genug das Eigentum beschädigt wird....leider wird es irgendwann eben nicht nur Sachbeschädigung sein...aber dann übernimmt bestimmt die Fraport auch die Beerdigungskosten .....wenn eben einer von einem Teil erschlagen wird. Man ist ja ein guter Nachbar...ich muss bei solchen Aussagen wirklich an mich halten.

Demonstrantin: "Sogar die Hunde ducken sich"
Der Verlust der Lebensqualität nach der Eröffnung der Nordwest-Landebahn sorgt für Aufruhr bei den Flörsheimern Gestern debattierte der Landtag in einer Sondersitzung über das Nachtflugverbot. Außerhalb der Bannmeile versammelten sich Demonstranten, um mehr Schutz vor Fluglärm zu fordern. Auch Flörsheimer fuhren nach Wiesbaden. Außer Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD) und der Galf-Fraktionsvorsitzenden Renate Mohr gaben dort viele betroffene Bürger ihre Meinung kund.

Von Sascha Kröner

Flörsheim/Wiesbaden. Beschreibung: Vor dem Rathaus in Wiesbaden versammelten sich auch Protest-Teilnehmer aus Hochheim und Flörsheim. Foto: Franz Schmidt. Vor dem Rathaus in Wiesbaden versammelten sich auch Protest-Teilnehmer aus Hochheim und Flörsheim. Foto: Franz Schmidt Die Botschaft der Plakate und Spruchrollen ist eindeutig: "Rote Karte für Nachtflüge" und "Nachts brauche ich Schlaf" ist auf den Tafeln zu lesen, die Demonstranten über ihren Köpfen schwenken.

Auch die Flörsheimerin Silke Bolender hat den Weg nach Wiesbaden auf sich genommen. "Für eine gute Nacht", steht auf dem Schild, das die Bewohnerin der Mainstadt mitgebracht hat. Sie ärgert sich über die starke Belastung, die Flörsheim zugemutet wird. "Wo gibt es denn so was, dass Menschen nichts mehr wert sind?", fragt die Demonstrantin entrüstet. "Lärm macht krank", hat Margit Eckert auf einer Tafel notiert. Die Teilnehmerin der Protestveranstaltung wohnt im Buchenweg in Flörsheim und leidet unter dem zunehmenden Fluglärm. Die Angst vor dem Verlust der Lebensqualität hat sie dazu gebracht, in Wiesbaden zu demonstrieren: "Das ist nicht mehr lebenswert bei uns", sagt die Flörsheimerin. So richtig kann Margit Eckert gar nicht glauben was sich seit der Eröffnung der Nordwest-Landebahn abspielt. "Ich habe manchmal das Gefühl, alles sei ein böser Traum", erklärt die Demonstrantin. "Doch man wacht nicht auf." "Gestern dachte ich, unser Dach hebt ab", erzählt Christa Spielmann. Die Flörsheimerin ist aus der Phillip-Schneider-Straße nach Wiesbaden gefahren, um ihrem Ärger Luft zu machen. Man müsse die Politiker nach Flörsheim einladen, findet sie. "Wenn die Flugzeuge nur alle zwei Stunden kommen würden, wäre es ja noch erträglich", so Christa Spielmann. Doch die Abstände von anderthalb  Minuten seien unerträglich.

Die Gläser wackeln
"Sogar die Hunde ducken sich", betont Tochter Nicole Spielmann. Sie fordert, dass die Maschinen nicht mehr über das Wohngebiet fliegen. Die 65 Dezibel, die bei der Einteilung der Lärmschutzzonen für ihr Wohngebiet festgelegt worden seien, erreiche man schon bei geschlossenen Fenstern. "Bei mir wackeln die Gläser in der Vitrine", fügt die Flörsheimerin Alexandra Prowald hinzu. "Ich habe am Tag der Landebahneröffnung auf der Straße gestanden, und mir sind die Tränen gekommen."

Auch Sabine Wendel aus der Eddersheimer Straße fürchtet um ihre Gesundheit: "Ich bin total gesund, wache aber in letzter Zeit morgens mit Herzrasen auf", erklärt die besorgte Flörsheimerin. "Da ist so eine innere Unruhe", beschreibt sie die Auswirkungen des Lärms.

Kein Typ für Demos
Claus Herma hat sein Büro im Keller seines Wohnhauses in der Kurfürstenstraße. Er sei eigentlich nie der Typ gewesen, der auf Demonstrationen geht, erzählt der Flörsheimer. Doch mit der Landebahn wurde alles anders: "Die fliegen direkt bei mir übers Dach", klagt Herma. Laut Casa-Programm zähle sein Haus aber nicht zum Kerngebiet. Am Info-Telefon habe man ihm mitgeteilt, dass er mit Änderungen erst in drei Jahren rechnen könne, berichtet er ungläubig.

Beim Minimalziel sind sich alle Flörsheimer Demonstranten einig: Der Erhalt des Nachtflugverbotes sei nun mal zuerst das Allerwichtigste, erklärt Sabine Wendel. "Mein wichtigstes Ziel ist, dass das Nachtflugverbot bleibt", betont Margit Eckert.

Warnsystem mit Beigeschmack
Mivotherm funktioniert laut Ministerium einwandfrei. Wegen der geringen Überflughöhen haben die Menschen in Eddersheim und Flörsheim Angst vor einem Vogelschlag. Nach einer Erklärung des hessischen Wirtschaftsministeriums zur Anlage bleiben bei der Stadt leise Zweifel.

Hattersheim. Beschreibung: Einer der drei Anlagenstandorte von Mivotherm befindet sich auf Eddersheimer Gemarkung unweit der Autobahnbrücke. Foto: Nietner. Einer der drei Anlagenstandorte von Mivotherm befindet sich auf Eddersheimer Gemarkung unweit der Autobahnbrücke. Foto: Nietner Diese Nachricht ist Wasser auf die Mühlen der Fluglärm-Gegner: Am Flughafen Fuhlsbüttel musste am Montag eine Boeing 757-300 mit 253 Insassen kurz nach dem Start ihren Flug nach Hurghada in Ägypten abbrechen und wieder am Hamburger Airport landen. Der Grund: Der Pilot hatte das linke Triebwerk in den Leerlauf geschaltet, nachdem die Maschine mit einem Schwarm Vögel kollidiert war.

Das Schreckensszenario einer Notlandung oder gar eines Flugzeugabsturzes wegen eines Vogelschlages zeigt die Bürgerinitiative (BI) für Umweltschutz Eddersheim für das Umfeld der Nordwest-Landebahn nicht erst seit vorgestern auf. Die BI bezweifelt die Zuverlässigkeit des Vogelschlagwarnsystems Mivotherm, das von Flughafenbetreiber Fraport am Mainufer betrieben wird.

Pünktlich zur Eröffnung der Nordwest-Bahn, nämlich genau am 21. Oktober, hat das hessische Wirtschaftsministerium Unterlagen und Informationen über Mivotherm der Münchner Kanzlei zukommen lassen, die die Anwälte auf Wunsch der Kommunen am Main angefordert hatte. Die Antwort aus Wiesbaden hat nach Einschätzung von Alexander Schwarz, der sich im Hattersheimer Rathaus um das Thema kümmert, "ein bisschen Geschmäckle".

Das Ministerium kam zu dem Schluss, dass Mivotherm voll funktionsfähig ist. Das überrascht nicht, sonst hätten am 21. Oktober theoretisch die ersten Flugzeuge auf der neuen Bahn wegen des zweifelsfrei bestehenden Vogelschlagrisikos gar nicht landen dürften.

Mit heißer Nadel gestrickt
"Der Gutachter kommt in seiner qualitätssichernden Beurteilung vom 17. Oktober zu dem Ergebnis, dass die Forderung des Planfeststellungsbeschlusses für Mivotherm gewährleistet sind und die Integrität des Systems nach dem Stand der Technik und im Rahmen der Anforderungen an das System sichergestellt ist", heißt es.

Für einen faden Beigeschmack bei den Fluglärm-Gegnern sorgt nicht etwa diese Tatsache. Auch nicht, dass das Gutachten erst am 17. Oktober fertig gestellt wurde, "also mit heißer Nadel gestrickt worden ist", wie Schwarz vermutet, obwohl es schon länger auch von den Grünen im hessischen Landtag gefordert worden ist. Nein, Schwarz zweifelt indirekt die Glaubwürdigkeit der Tübinger Gutachterfirma "Leosys GmbH" an. Deren einzelvertretungsberechtigter Geschäftsführer Dr. Wolf-Dietrich Büchtemann betreibe unter derselben Adresse noch eine weitere Firma ("Dr. Büchtemann Optronic"). Auf deren Internetseite wird als Referenz wiederum die "Zeiss Optronic GmbH" angegeben – und die hat Mivotherm gebaut.

Die Münchner Anwälte und deren Auftraggeber bezweifeln nun, ob eine Gutachterfirma das zu bewertende Produkt eines Herstellers objektiv beurteilen kann, wenn deren Geschäftsführer selbst schon für ihn gearbeitet hat. Über ihr weiteres Vorgehen haben die Fluglärm-Gegner noch nicht entschieden. Zunächst habe man beim Wirtschaftsministerium ausführlichere Unterlagen angefordert. Bisher gab es aus Wiesbaden nur eine Zusammenfassung.

Mivotherm enthalte Wärmebildkamerasysteme, die Vogelschwärme entlang der Mainlinie in einer Höhe von 90 bis 150 Meter und einer Breite von 200 Metern überwache, schreibt des Ministerium. Mit dem System seien Vorwarnzeiten von fünf bis sieben Minuten an die DFS und die Lotsenarbeitsplätze gewährleistet. Auf Anfrage des Kreisblattes teilte Fraport-Sprecher Mike Peter Schweitzer mit: "Seit Eröffnung der  Landebahn Nordwest ist das Vogelschlagvorwarnsystem Mivotherm aktiv und arbeitet einwandfrei. Ein erhöhtes Vogelschlagrisiko besteht somit nicht." rem

Fraport stellt sich den Bürgern
02.11.2011 - FLÖRSHEIM

(red). Ab Freitag wird das Info-Mobil der Fraport AG wieder in der Region unterwegs sein. Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen des Unternehmens werden die Menschen zu Themen rund um den Flughafen Frankfurt zu informieren und mit ihnen ins Gespräch kommen. „Wir möchten mit den Menschen in der Region in direkten Dialog treten und verdeutlichen, dass wir ihre Sorgen ernst nehmen“, sagte Fraport Vorstandsvorsitzender Dr. Stefan Schulte bei der Vorstellung der Termine.

Schwerpunkte werden der Flughafenausbau, die neuen Flugrouten und Betroffenheiten sowie das Schallschutzprogramm sein. „Der Flughafen Frankfurt ist eine wichtige Säule der wirtschaftlichen Prosperität der Region und trägt in großem Maße zu der Entwicklung der Arbeits- und Ausbildungsplätze bei. Dabei ist es aber stets unser Anliegen, die Belastungen für das Umland durch lärmmindernde Maßnahmen zu reduzieren“, so Schulte weiter. 

Am Freitag, 4. November, startet das Info-Mobil in Flörsheim am Gisbert-Beck-Kreisel. Interessierte Flörsheimer können hier von 14 bis 18 Uhr mit Fraport-Mitarbeitern in den Dialog treten und sich anhand von Broschüren, Karten und Dokumentationsmaterialien informieren.

Einen Tag später steht das Fraport-Infomobil zwischen 10 und 14 Uhr in Raunheim.

Wiesbadener Kurier:
Kreistag fordert: Flughöhen überprüfen
02.11.2011 - MAIN-TAUNUS/HOCHHEIM

Von Angelika Heyer

EILANTRAG Einmütige Forderungen an das Land

Der Main-Taunus-Kreistag hat die Hessische Landesregierung in einem Eilantrag aufgefordert, sich für ein absolutes Nachtflugverbot ohne Ausnahmen einzusetzen und das Mediationsergebnis zum Flughafenausbau umzusetzen. Anlass ist die „zusätzliche, unerträgliche Lärmbelastung“ der Main-Taunus-Gemeinden seit Inbetriebnahme der neuen Landebahn vor knapp zwei Wochen, wie es in dem gemeinsamen Antrag von CDU, SPD, Grünen, FDP und FWG heißt. Besonders in Flörsheim und Hochheim sind viele Menschen verzweifelt, seit die Flugzeuge in niedriger Überflughöhe zeitweise im Minutentakt über ihre Häuser donnern. Aber auch die anderen Orte im Kreis sind mittlerweile (vor allem von Startern) stärker belastet Die Main-Taunus-Politiker fordern außerdem, dass überprüft wird, ob die vorgesehenen Flugrouten und Flughöhen so eingehalten werden, wie im Planfestsstellungsverfahren und den Betriebsgenehmigungen vorgesehen. Besonders aus Flörsheim werde berichtet, dass nicht auf der vorgesehenen Linie geflogen werde. Der in Hochheim lebende Kelkheimer Erste Stadtrat Dirk Westedt (FDP) wies darauf hin, dass als Ausgleich für den Ausbau lärmschonende Anflugverfahren zugesagt worden seien, die nicht eingehalten werden. Wenn leisere Anflugverfahren nur mit größeren Abständen zwischen den Flugzeugen möglich seien, dann müssten diese Abstände eben eingehalten werden, so Westedt. Der Kreistag fordert auch Schadstoffmessungen. Viele Bürger hätten den Eindruck, dass es nach Kerosin rieche, sagte der frühere Hattersheimer Bürgermeister und SPD-Kreistagsabgeordnete Hans Franssen.

„Die Menschen sind nichts wert“
02.11.2011 - FLÖRSHEIM

Von Susanne Wildmeister

REAKTIONEN Flörsheimer leiden unter Fluglärmzuwachs / Sorge um Kinder, Gesundheit und Heimat

Flörsheim steht unter Schock. Fassungslos und ohnmächtig versuchen die Menschen, mit dem dramatischen Fluglärmzuwachs seit Eröffnung der Nordwest-Landebahn zu leben. In einer Flut von Mails und Telefonaten äußerten sie sich bei dieser Zeitung.

Viele Flörsheimer empfinden die tieffliegenden, lauten Maschinen als Bedrohung, ihr Alltag wird von dem Dauerlärm bestimmt, die Nerven liegen blank. Die vor Inbetriebnahme der Bahn definierten Lärmschutzzonen scheinen willkürlich festgelegt. Auch außerhalb der Kern- und Übergangszonen werden hohe Lärmwerte registriert.

Was sind Häuser noch wert?

Die einzige Alternative ist für die meisten Betroffenen, die sich gegenüber dieser Zeitung äußerten, ein Umzug. Nun bangt man darum, was die verlärmte Immobilie noch wert ist, ob die eigene „Altersvorsorge ad absurdum geführt“ wird. Von „Enteignung“ ist die Rede. Die Sorge gilt vor allem den Kindern, die unter dem Lärm leiden. Es gibt die „Angst vor dem Sommer“ und die Trauer um den Verlust der Heimat. „Ich fühle mich in meiner Heimatstadt nicht mehr wohl“, schreibt die 24-jährige Julia Kiedrowski. Stadtplaner Professor Horst Thomas fürchtet um die Sozialstruktur der Stadt. Wer es sich leisten könne, ziehe weg. „Es sind die Beweglichsten und es sind die Leistungsträger, die die Stadt braucht.“

„Ein Dauerschallpegel von 65 Dezibel ist so, als stünde man den ganzen Tag mitten auf einer sechsspurigen Hauptverkehrsstraße“, schreibt Christine Bosenius. Die Flörsheimer müssen Einzelschallereignisse von mehr als 90 Dezibel ertragen. „Wie bitte, kann das auszuhalten sein“, fragt sie. „Das geht gar nicht“, meint Carmen Alhof. Sie war am Samstag um 5 Uhr morgens wach, um 8 Uhr saß sie weinend auf der Couch - sie, die von klein auf Fluglärm gewohnt war. Gestern Morgen hat sie mit ihrer Handy-App 89 Dezibel auf ihrer Terrasse gemessen - in Überflugzone II.

Die beiden Kinder wünschten sich nun statt einer neuen Einrichtung für ihre Zimmer zu Weihnachten einen Umzug. Auf Schallschutzmaßnahmen müsse sie fünf Jahre warten, so eine Auskunft von Fraport. „In fünf Jahren können Sie mich in der JVA besuchen, bis dahin bin ich Amok gelaufen“, sagt Carmen Alhof.

Ihre Katze gehe nach einer traumatischen Lärmerfahrung nun nicht mehr auf den Balkon, sagt Sandra Kobin. Vielleicht sollte man den Tierschutz einschalten. Der greife womöglich besser als der Schutz der Menschen. „Es geht vor allem um die Kinder“, betont sie. Einige aus der Kita seien jetzt jeden Morgen um 5.30 Uhr wach. Auf dem Weg zur Schule richteten die Älteren den Blick nur noch zum Himmel und achteten nicht mehr auf den Straßenverkehr.

Auch Cigdem Bengil aus der Eppsteiner Straße ist als Mutter besorgt. „Die Menschen werden ignoriert. Wir sind nichts wert.“ Der Lärm, dem die Kinder an der Paul-Maar-Schule ausgesetzt seien, sei „menschenunwürdig“.

Cigdem Bengil arbeitet im Bereitschaftsdienst im Krankenhaus - die nötigen Ruhephasen, um nach der Arbeit wieder Kraft zu tanken, gibt es nicht mehr. Christina Roth sieht die Zeit auf der Arbeitsstelle nun sogar als Erholung an. Abends denke sie „ohje, jetzt musst Du wieder heim zu diesem schrecklichen Lärm“.

Ruhephasen fehlen

Trotz aller Ohnmacht wollen die Flörsheimer nicht aufgeben. Leisere Flugzeuge, optimierte Anflugrouten, eine Ausweitung der Schallschutzprogramme und ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr werden gefordert. Andere nutzen mehrmals täglich das Fluglärm-Beschwerdetelefon und nehmen an Protestaktionen teil. Fair wären für Klaus Gröschl Entschädigungszahlungen oder der Aufkauf von Häusern durch Fraport. Dafür könnte jeder Passagier einen „Lärmtaler“ in Höhe von fünf Euro entrichten - „das entspricht einem Drink auf Malle“. Die 21-jährige Julia Dienst schreibt: „Dennoch hoffe ich, dass Flörsheim nicht resigniert, sondern weiter für seine Rechte kämpft!“

Beschreibung: Ein Bild, an das sich die Flörsheimer nur schwer gewöhnen können: Seit Inbetriebnahme der neuen Landebahn donnern die Flugzeuge in schnellem Takt über die Untermainstadt. Viele Flörsheimer fühlen sich ohnmächtig, manche denken gar an Wegzug. Foto: Vollformat / Volker Dziemballa

Ein Bild, an das sich die Flörsheimer nur schwer gewöhnen können: Seit Inbetriebnahme der neuen Landebahn donnern die Flugzeuge in schnellem Takt über die Untermainstadt. Viele Flörsheimer fühlen sich ohnmächtig, manche denken gar an Wegzug. Foto: Vollformat / Volker Dziemballa. Vergrößern

APPELL

Der katholische Pfarrer Frank-Peter Beuler appelliert an seine Mitbürger: Lebensentscheidungen wie das Verlassen der Heimat dürften nicht das Produkt einer Kurzschlussreaktion sein, auch wenn die Lage aussichtslos erscheine.

Er begrüßt es, dass politisch Verantwortliche und Vereinigungen bereit sind, den Kampf für den Erhalt der Lebensqualität in Flörsheim aufzunehmen.

„In diesen schweren Zeiten muss die Bürgerschaft zusammenstehen.“ Beuler erinnert an das Jahr 1666, als Flörsheim von der Pest bedroht wurde und die Bürger vorbildhaftes Durchhaltevermögen bewiesen hätten.


31.10.2011
Höchster Kreisblatt:

"Alle Politiker müssen den derzeitigen Terror bekämpfen"  Überflüge: Welle von Protesten ebbt nicht ab – Katholische und evangelische Pfarrer beziehen öffentlich Stellung Über 400 Teilnehmer verzeichnete die Protest-Andacht sowie der anschließende Gang ins Baugebiet Nord. Unter anderem hielt Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD) auf dem Platz vor der Gallus-Kirche eine Rede, der evangelische Pfarrer Martin Hanauer verbrannte öffentlich ein Werbeprospekt der Fraport AG.

Flörsheim. Prospekt-Verbrenner: Eine Werbeschrift der Fraport AG zündete Pfarrer Martin Hanauer werbewirksam an.Und in den katholischen Gottesdiensten wurde eine Erklärung des Flörsheimer Pfarrers Frank-Peter Beuler verlesen, der sich darin mit dem Fluglärm auseinandersetzt.

Mit deutlichen Worten hatte sich der Rathauschef an die Teilnehmer der Protestveranstaltung gewandt. In den vergangenen 14 Jahren habe die Stadt Flörsheim gemeinsam mit den Nachbarkommunen Hattersheim sowie Hochheim nichts unversucht gelassen, um den Ausbau des Frankfurter Flughafens mit der Landebahn Nordwest zu verhindern. "So haben die Stadt Flörsheim wie auch die Städte Hattersheim und Hochheim bisher jeweils deutlich mehr als 2 Millionen Euro für die Verhinderung der neuen Landebahn Nordwest ausgegeben. Seit dem vergangenen Freitagnachmittag sei Wirklichkeit geworden, was "wir mit vereinten Kräften verhindern wollten". Auch wenn das letzte Urteil zur neuen Landebahn noch nicht gesprochen sei, so glaube niemand mehr daran, dass das Rad noch einmal zurückgedreht werden könne.

"Ist mir scheißegal" 
Antenbrink setzte mit einer Tirade gegen den Flughafenbetreiber seine Ansprache fort: "Heute Morgen habe ich in der Werbezeitung der Fraport wieder einmal lesen dürfen, dass der Frankfurter Flughafen in einem internationalen Wettbewerb mit irgendwelchen Wüstenflughäfen im nahen oder fernen Osten steht. Das ist mir, um es deutlich zu sagen Herr Dr. Schulte, scheißegal. Worauf es ankommt, ist dass die wirtschaftlichen Interessen der Fraport und der Luftverkehrswirtschaft in direkter Konkurrenz zur Gesundheit der Menschen, die in dieser Region leben wollen, stehen."

"Wir müssen jetzt das Nachtflugverbot verteidigen. Es kann doch nicht wahr sein, dass der Hessische Landtag nahezu einstimmig einen Ausbau nur mit Nachtflugverbot beschließt und sich dann die Landesregierung einen Teufel darum schert und auch noch dagegen vor Gericht zieht. In was für einer Bananenrepublik leben wir denn eigentlich?", meinte Antenbrink. Ab dem heutigen Montag werde es keine Nachtflüge am Frankfurter Flughafen mehr geben und – oh Wunder – die Welt werde sich doch tatsächlich weiter drehen, meinte Michael Antenbrink ironisch.

Vergleich mit der Pest
Die Erklärung von Pfarrer Frank-Peter Beuler zur neuen Fluglärmsituation in Flörsheim hat folgenden Wortlaut: "Mit dieser Erklärung möchte ich mein großes Entsetzen kundtun angesichts der enormen Steigerung des Fluglärms in Flörsheim seit Inbetriebnahme der unseligen Nordwest-Landebahn am Frankfurter Flughafen. Ich empfinde solidarisches Mitgefühl mit all jenen Bürgerinnen und Bürgern, die besonders stark vom Überflug der Flugzeuge betroffen sind – in Flörsheim-Nord und Flörsheim-Ost, aber auch in Wicker. Ich kann verstehen, dass man diese Situation für unerträglich hält und so mancher jetzt mit dem Gedanken spielt, aus Flörsheim wegzuziehen. Ich darf an alle, die diese Gedanken hegen, appellieren, keine überstürzten Entscheidungen zu treffen, auch wenn momentan die Lage aussichtslos erscheint. Der Entschluss, einen liebenswerten Ort, der zur Heimat geworden ist und in dem vielleicht schon viele Vorfahren gelebt haben, einfach zu verlassen und irgendwo anders ganz neu anzufangen, will reiflich überlegt sein. Solche Lebensentscheidungen dürfen nie das Produkt einer Kurzschlussreaktion sein. Ich teile mit Bürgermeister Antenbrink die Ansicht, dass Resignation die falsche Antwort auf die neue Lärmbelastung ist. Stattdessen sollten alle Kräfte versuchen, Widerstand zu leisten gegen die unerträgliche Situation. Mit der Demonstration am Freitagabend und dem anschließenden Protestzug ist schon ein guter Anfang gemacht. Ich begrüße es, dass die politisch Verantwortlichen der Stadt Flörsheim, politische Parteien und Vereinigungen bereit sind, den Kampf für den Erhalt der Lebensqualität in Flörsheim aufzunehmen. Ebenso begrüße ich, dass der neue Landrat Cyriax einen Forderungskatalog aufgestellt hat, der die Überprüfung und Veränderung der momentanen Flugbewegungen zum Ziel hat. Alle politischen Kräfte müssen ihr Möglichstes tun, um den derzeitigen Terror zu bekämpfen. Aber auch jeder Privatmensch ist aufgerufen, seinen Unmut kundzutun, nicht zuletzt gegenüber der Landesregierung. In diesen schweren Zeiten muss die Bürgerschaft zusammenstehen und darf sich nicht auseinander dividieren lassen. Es ist sicher kein übertriebener Vergleich, wenn wir an die Bedrohung Flörsheims durch die Pest im Jahre 1666 denken und uns das Durchhaltevermögen der damaligen Bevölkerung vor Augen führen. Nehmen wir uns die Vorfahren zum Vorbild." meh (meh)

Lärmgeplagte Flörsheimer protestieren vor der Kirche 7 Kommentare  Flörsheim. Der Schock saß tief in den ersten Tagen nach der Inbetriebnahme der Landebahn Nordwest. Anscheinend so tief, dass es noch keine Aufrufe zu öffentlichen Demonstrationen gab. Nur die Galf rief zu massiven sowie phantasievollen Protesten auf. Ansonsten herrschte Ruhe. Für manche Lärmbetroffenen war dies bisher zu ruhig. Auch von dem Verein, der sich ausschließlich mit dem Thema Flughafenausbau beschäftigt, und deshalb auch gegründet wurde, nämlich "Für Flörsheim", gab es bisher keine Reaktionen. Genau so sieht man es zurzeit mit den ehemaligen Initiativen von Flörsheimern – wie der "Stille Protest" oder der Elterninitiative "Kinder gegen Fluglärm" – aus. Deren Mitglieder versuchen derzeit anscheinend, das in den vergangenen Tagen erlebte zu verarbeiten. Noch immer brodelt es aber gewaltig in der Mainstadt, und der Protest formiert sich allmählich. So laden unter anderem die evangelische Kirchengemeinde sowie die Bürgerinitiative für Umweltschutz (BfU) Eddersheim für heute, Freitag, 28. Oktober, 19 Uhr, zu einer großen Protestveranstaltung vor der Sankt-Gallus-Kirche (Hauptstraße) ein. meh (meh)

Ewiger Lärm statt letzter Ruhe
Gemeindereferentin nach einer Beerdigung: Ich denke, das ist Störung der Totenruhe Trauerreden werden ganz schnell gehalten und ständig unterbrochen, damit der Krach der Flieger nicht jedes Wort untergehen lässt.

Flörsheim. Totengedenken wird erheblich gestört: Der Friedhof liegt in der Lärmzone. Foto: Nietner Die Türen der Trauerhalle öffnen sich. Nachdenkliche Menschen folgen Gemeindereferentin Bettina Malcher mit gesenkten Köpfen aus der Gedenkstätte. Im Geiste sind sie bei dem Verstorbenen. Doch ihr Trauerzug wird schon nach wenigen Schritten gestört. Gedanken werden abrupt unterbrochen, als ein Flugzeug bedrohlich tief über die Trauerhalle hinweg fegt. Das laute Dröhnen der Turbinen übertönt kurzzeitig sogar das Glockengeläut, das den Marsch begleitet. Andere Friedhofbesucher heben ihre Köpfe zum Himmel, um die Quelle des Lärms zu verfolgen. Von letzter Ruhe kann hier keine Rede mehr sein.

Nach der Ankunft am Grab beginnt Bettina Malcher ihre Rede. Zweimal muss die katholische Gemeindereferentin unterbrechen, weil Flugzeuge über den Friedhof donnern. Für Malcher ist es die erste Beerdigung seit der Eröffnung der Landebahn Nordwest. Einige Mitglieder der Trauergemeinde blicken zum Himmel. Die Besinnlichkeit des für die Angehörigen so wichtigen Momentes ist gestört.

Extrem niedrige Flieger
"Die Flieger sind schon extrem niedrig", findet Friedhofsgärtner Michael Schreeb, der den Sarg zusammen mit drei Kollegen zum Ort der Beerdigung gerollt hat. "Das ist ungewohnt", betont er. Schreeb hört nach eigener Aussage häufig Beschwerden von älteren Besuchern, die sich vom Fluglärm gestört fühlen. Für Trauerfeiern sei der Neue Friedhof nicht mehr ideal, drückt sich der Friedhofsgärtner vorsichtig aus. Dass die angegebene Flughöhe von 240 Metern über dem Friedhof eingehalten wird, kann sich Schreeb kaum vorstellen. "Es kommt einem sehr niedrig vor", sagt der Gärtner, der Bedenken hat, nachdem einem Flugzeug vor wenigen Tagen ein Bremsschlauch platzte. "Heute der Schlauch, morgen das ganze Ding", betont Michael Schreeb.

"Ich bin richtig erschrocken, als die Maschine über die Trauerhalle geflogen kam", berichtet Bettina Malcher. "Es ist eine Zumutung." Die Leiterin der Trauerfeier muss sich beim Ablauf des Gedenkens mittlerweile nach den Flugzeugen richten. "Ich mache alles was möglich ist in der Trauerhalle", erklärt die Gemeindereferentin. Bei den Grabreden versuche sie, sich zu beeilen, um die Zwischenräume zwischen den Überflügen auszunutzen. "Ich habe meine Reden auch schon vor der Eröffnung der Landebahn wegen des Fluglärms unterbrochen", sagt Bettina Malcher. Mit den neuen Flugrouten sei die Belastung auf dem Neuen Friedhof aber viel schlimmer geworden. Früher habe man den Fluglärm zumindest in der Trauerhalle nicht gehört. Mittlerweile dröhnen die Turbinen bis ins Innere des Gebäudes. Für die Trauernden sei die Situation auf dem Friedhof schwierig. "Ich denke schon, dass man von einer Störung der Totenruhe sprechen kann", sagt Bettina Malcher sehr ernst.sas (sas)

„Wir lassen uns nicht vertreiben!“
31.10.2011 - FLÖRSHEIM

Von Hildegund Klockner

FLUGLÄRM Wut, Enttäuschung und Trotz prägen Demonstration / Polizei schätzt die Teilnehmerzahl auf 700

Am Freitagabend, bei der ersten Protestdemo nach der Eröffnung der Landebahn Nord, der weitere Aktionen folgen werden, schätzte die Polizei die Teilnehmerzahl auf 700. „Mit 100 Teilnehmern wären wir nicht zufrieden gewesen“, freute sich Renate Mohr von der Galf über die unerwartet große Resonanz von wütenden, besorgten und trauernden Bürgern. Vorsorglich waren 200 Menschen für die friedliche Kundgebung und den anschließenden Demonstrationszug mit Fackeln durch die Altstadt zum Schützpark bei den Ordnungskräften angemeldet worden.

Auch aus der Umgebung waren Protestler gekommen

Am Freitag, am Tag sieben nach dem Beginn des nach Ansicht der Demonstranten menschenverachtenden und -vertreibenden Lärmterrors, formierte sich der Protest der Flörsheimer vor der St. Galluskirche. Protestler mit Transparenten aus Flörsheim, Hattersheim, Hochheim und Eddersheim waren zu der Kundgebung gekommen, zu der die Kirchengemeinden, die Bürgerinitiative für Umweltschutz (BfU) in Eddersheim, der Verein „Für Flörsheim“ und Bürgermeister Michael Antenbrink kurzfristig über die Tageszeitungen eingeladen hatten.

„Die Menschen ziehen sich in ihre Häuser zurück, verwirrt, verletzt mit hilfloser Wut. Ich treffe Mitbürger, entsetzte Gesichter, mit der Frage, ob das jetzt immer so bleibt“, meldete sich Frank Wolf von der BfU zu Wort. Er habe das Gefühl, „die haben uns den Himmel gestohlen, der Himmel gehört jetzt schon in 100 Metern Höhe der Fraport“.

„Wir lassen uns nicht vertreiben“, war das Motto der Veranstaltung, die vor allem dazu diente, die Solidarität der Betroffenen zu stärken und Mut zum Durchhalten zu geben. Aber auch ein deutliches Zeichen zu geben, „dass wir nicht resignieren“. Hans-Jakob Gall sieht noch „einen langen Weg“: Die Statistik werde helfen zu beweisen, „dass Fluglärm krank macht!“ Sein Vorschlag an die Teilnehmer: „Bauen Sie Druck auf die Politiker auf. Schreiben Sie an die Politiker in Berlin und Wiesbaden.“

Michael Antenbrink machte Mut, dass das „letzte Urteil über die Landebahn noch nicht gesprochen ist“. Ihm sei es „scheißegal“, ob Frankfurt den Wettbewerb mit Flughäfen in „nahen und fernen Wüstenstaaten gewinnt“: Seit Freitag seien die Bürger von den Verantwortlichen in Berlin und Wiesbaden zu Verlierern dieses Wettbewerbs gemacht worden. Merkel habe bei der Inbetriebnahme der Landebahn vorgeführt, was möglich ist, als sie lautlos einschwebte.

Michael Frost erinnerte an die 25 „Stillen Proteste“ gegen den Flughafenausbau, die wegen geringer Teilnehmerzahl eingestellt worden waren: „War es naiv gewesen mit kleinen Mitteln zu kämpfen, wäre ein schriller Protest wirkungsvoller gewesen?“ Pfarrer Martin Hanauer berichtete von seinen Erfahrungen als Seelsorger in der letzten Woche. Als direkt vom Fluglärm Betroffener „brauche ich selbst Seelsorge“: Der Lärm belaste seine Arbeit, Menschen weinten im Gespräch. Ihm fehlten die Worte, den Menschen eine Perspektive zu geben. Die Bibel mit ihren Klagepsalmen wie Psalm 55 „klinge aktuell“. Und Hanauer warnte in Hinblick, dass die Flörsheimer vor Gericht nicht klagen durften: „Die Fraport muss sich einmal vor einem höheren Gericht verantworten.“ Er beendete die Kundgebung ganz drastisch und wirkungsvoll mit dem Verbrennen der aktuellen „Hochglanzzeitung der Fraport“, die die „Folter der Flörsheimer verhöhnt“.

Zum Abschluss der Protestdemonstration verbrannte Pfarrer Martin Hanauer die aktuelle Fraport-Zeitung. Foto: Hildegund Klockner

Flörsheim

Widerstand gegen Fluglärm wächst
29.10.2011 - FLÖRSHEIM

PROTESTE Andacht und Demonstrationszug durch die Altstadt / Offener
Brief von Wolfgang Ruppert

(hbk/mw). Widerstand gegen den vielen Anrainern schier unerträglich gewordenen Fluglärm formiert sich mehr denn je auch in der Untermainstadt. Am Freitagabend versammelten sich nach ersten Schätzungen mehr als 600 Menschen zur Protestandacht an der Galluskirche und zogen, viele mit Kerzen in der Hand, zum Schütz-Park. Die Stimmung war gedämpft. Viele Teilnehmer bekundeten im Verlauf der Demonstration dennoch eine kämpferische Haltung. Die meisten Flörsheimer sind über das unerwartete Ausmaß des Fluglärms, der mit Inbetriebnahme der neuen Landebahn über sie hereingebrochen ist, bestürzt. Schriftzüge und Embleme auf einigen der mitgeführten Transparente deuteten darauf hin, dass die Menschen hier große Unterstützung auch aus benachbarten Städten erfahren.

Der beeindruckende Aufmarsch wäre wohl noch größer ausgefallen, hätten die Organisatoren von Galf, „Für Flörsheim“ und BfU Eddersheim nicht so kurzfristig eingeladen. Zu plakatieren oder Handzettel zu verteilen war keine Zeit geblieben. Zeitungsleser wussten Bescheid, der Rest war Mundpropaganda, die zum erstaunlich guten Ergebnis beitrug. In der Not rücken die Flörsheimer auch diesmal sehr rasch eng zusammen (ausführlicher Bericht über die Protest-Veranstaltung folgt).

Die Flörsheimer gehen also gegen den Fluglärm auf die Straße. Aber nicht nur das. Im Internet wurde bei Facebook eine Gruppe „Flörsheim gegen Nordbahn“ eröffnet, die am Freitag bereits mehr als 460 Mitglieder zählte. „Und es werden stündlich mehr. Wenn das nicht Mut und Hoffnung macht!“, schrieb jetzt Wolfgang Ruppert, Vorsitzender des Schachclubs, in einem offenen Brief an Bürgermeister Michael Antenbrink und den ehemaligen Landrat, Berthold Gall. Ruppert spricht vielen aus dem Herzen. Mit Eröffnung der neuen Landebahn habe es eine dramatische Verschlechterung der Lebensqualität ergeben, mit der traurigen Erkenntnis: „Unser Flörsheim ist nicht mehr Flörsheim, wie wir es kennen und geliebt haben!“ Gewiss hätten Antenbrink und Gall in vielen Versammlungen gewarnt, dass der Ausbau des Flughafens katastrophale Folgen für die Bürger haben werde. Sogar der Vergleich zur Flörsheimer Pest sei gezogen worden. „Heute weiß man: zu Recht!“, stellt Ruppert fest.

„Offen gesagt hatte ich das Gefühl, dass viele Bürger und auch ich nicht wirklich verstanden haben oder es einfach nicht sehen wollten, dass dieser Vergleich in seiner Bedeutung und den Folgen für Flörsheim nicht übertrieben war. Naivität sei sicherlich rückblickend auch ein Grund, weshalb die meisten Bürgerversammlungen eher durchschnittlich besucht waren. Angesichts einer als unfassbar empfundenen Überflugtiefe der Flugzeuge seien „viele von uns in einen regelrechten Schockzustand gefallen, geprägt durch Existenzängste und extreme Sorgen um die Kinder, die täglich auf dem Weg zu Schule und Kindergärten, auf Spiel- und Sportplätzen dem ständigen Lärmpegel und der bedrückenden Nähe der Flugzeuge ausgesetzt sind“. Das lächerliche Minimalziel des Nachtflugverbotes drohe gekippt zu werden. „Zweifellos werden wir nur Chancen auf Erfolg haben, wenn wir alle gemeinsam dafür kämpfen und die Kräfte bündeln“, schreibt Ruppert und fordert zur Einberufung einer Bürgerversammlung binnen ein, zwei Wochen auf. „Die Zeiten für stille Proteste und nur auf juristische Mittel zu setzen, sind definitiv vorbei. Alle zwei Minuten fliegt ein Flugzeug über Flörsheim in 275 Meter Höhe. Die Chance, mehr Menschen für den Protest anzusprechen, dürfte nie besser gewesen sein!“

TELEFON-AKTION

Wie kommen Sie als Flörsheimerin oder Flörsheimer mit dem vermehrten Fluglärm zurecht? Die Redaktion der „Main-Spitze“ ist an Ihren Eindrücken und Ihren Einschätzungen interessiert und nimmt am Montag, 31. Oktober, von 12.30 bis 13.30 Uhr Ihren Anruf dazu entgegen, und zwar unter der Rufnummer 0 61 42 / 8 55 38. Ab sofort bis zum Montag, 14 Uhr, können Sie uns an die Adresse main-spitze@vrm.de eine Mail zu diesem Thema schicken.

Rüsselsheimer Echo:

30. Oktober 2011 | dpa

Das letzte Flugzeug startete um 0.12 Uhr.
Nachtflugverbot: Flughafen Frankfurt hat erste Nacht mit eingeschränktem Nachtflugverbot hinter sich – Ergebnisse erst nach der Nacht zum Montag richtig spürbar

FRANKFURT.
Ab Sonntag gilt es, das eingeschränkte Nachtflugverbot für den Flughafen Frankfurt. Die letzte Maschine hob 12 Minuten nach Mitternacht ab, die erste des Folgetages landete erst um 5.02 Uhr auf dem Rhein-Main-Airport. Archivfoto: dpa

Der Flughafen Frankfurt hat seine erste Nacht mit einem eingeschränkten Flugbetrieb hinter sich. Nach Auskunft des Flughafenbetreibers Fraport vom Sonntag startete das letzte Flugzeug um 00.12 Uhr, die erste Landung des Tages ging um 5.02 Uhr über die Bühne. Hans-Jakob Gall von der Bürgerinitiative in Flörsheim genoss nach eigenen Angaben die erste Nacht mit weniger Fluglärm. „Heute konnte ich mal durchschlafen“, sagte er. Normalerweise werde er bei Westwind von den startenden Maschinen geweckt.

Mit der Nacht zum Montag steht am größten deutschen Flughafen die erste komplett flugfreie Nacht bevor. „Erst dann wird es eigentlich spannend“, sagte ein Fraport-Sprecher. Vor allem die mit ihren nächtlichen Frachtflügen stark betroffene Lufthansa hatte wegen drohender Millionenverluste heftig gegen die vorläufige Sperre protestiert und musste ihren Frachtflugplan ändern.

Die Grünen-Fraktion im Hessischen Landtag teilte mit, die erste Nacht mit gültigem Nachtflugverbot sei der endgültige Beweis dafür, dass ein Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen möglich sei. Die Luftverkehrswirtschaft werde daran nicht untergehen, hieß es in einer Mitteilung. Die knapp sechs Stunden Ruhe in der Nacht seien jedoch zu wenig.

Am Flughafen gilt nach einer Entscheidung des hessischen Verwaltungsgerichtshofs von Sonntag an ein absolutes Nachtflugverbot für die Zeit zwischen 23 und 5 Uhr. Es wird etwa ein halbes Jahr gelten. Ob es dabei bleibt, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht, das sich im März mit dem Thema befassen will.

Wiesbadener Kurier:

Ruhe zwischen 23 und 5 Uhr: Nachtflugverbot ohne Probleme begonnen
31.10.2011 08:42 Uhr - FRANKFURT

Ohne Probleme im technischen Ablauf hat der Frankfurter Flughafen die erste Nacht mit einem kompletten Flugverbot bewältigt. Die Nachtruhe zwischen 23 und 5 Uhr sei eingehalten worden, berichtete die Betreibergesellschaft Fraport am Montag. Es seien weder Maschinen verspätet abgeflogen, noch hätten Passagiere in Frankfurt übernachten müssen, weil ihr Flug nicht mehr rausging. Um 23.02 Uhr sei noch eine Maschine gelandet, wie es auch nach dem Planfeststellungsbeschluss vorgesehen sei, berichtete ein Sprecher.

"Wir haben die Umstellung operativ gut hinbekommen", erklärte ein Sprecher der Lufthansa Cargo, die bislang die meisten Nachtflüge am größten deutschen Flughafen durchgeführt hatte. Bei den Mitarbeitern sei aber die Sorge um die Arbeitsplätze groß, obwohl es sich ja zunächst um eine vorläufige Regelung handele. Der hessische Verwaltungsgerichtshof hat das Nachtflugverbot bis zu einer endgültigen Entscheidung durch das Bundesverwaltungsgericht verhängt.

Frankfurter Rundschau:
Lärmteppich über Flörsheim
"Wie im Krieg, nur ohne Bomben"

"Es steht fest, wir ziehen aus Flörsheim weg." Foto: dapd

Seit Eröffnung der neuen Landebahn liegt bei Ostwind halb Flörsheim unter einem Lärmteppich. Mit mehr als 80 Dezibel donnern die Flieger über die Häuser hinweg - bis zu 300 Mal. Täglich.

Josef Auth ist fassungslos. „Hier kann man nicht mehr leben“, sagt der Flörsheimer. Seit Freitagnachmittag dröhnen die Flugzeuge über das Dach seines Hauses in der Lahnstraße. Im Zwei-Minuten-Takt kommen die Maschinen von Westen, etwa 270 Meter sind sie tief, wenn sie das Neubaugebiet überfliegen, um wenige Kilometer weiter östlich auf der neuen Landebahn im Kelsterbacher Wald aufzusetzen. „Das ist hier wie im Krieg“, sagt Josef Auth. „Nur dass keine Bomben fallen.“

Schon lange bevor die Flieger zu sehen sind, ist ein dumpfes Grollen in den Straßen zu hören. Es wird zum ohrenbetäubenden Getöse, wenn das Flugzeug mit pfeifenden Landeklappen und ausgefahrenem Fahrwerk über die Häuser hinwegdonnert. Die Messstelle des Deutschen Fluglärmdienstes, die auf einem Dach in der Weilbacher Straße montiert ist, misst seit Eröffnung der neuen Landebahn fast konstant Überflüge mit deutlich mehr als 80 Dezibel – von morgens fünf Uhr bis tief in die Nacht. So niedrig und so dich hintereinander wird kein anderes Wohngebiet in der Region überflogen.

50 Prozent der Landungen auf dem Frankfurter Flughafen würden über die neue Landebahn abgewickelt, sagte Flughafensprecher Wolfgang Schwalm der FR. Bei Ostwind donnern dann jeden Tag mehr als 300 Flugzeuge über die Stadt.

„Hier in Flörsheim gibt’s einen Volksaufstand“, sagt Hans-Jakob Gall, der Vorsitzende des Solidaritätsvereins für Flörsheim, der seit Jahren gegen den Flughafenausbau kämpft. „Dass es so unerträglich laut wird, damit hat keiner gerechnet.“ Besonders problematisch ist laut Gall die Streuung der Flugrouten.

Bernd Zürn vom Verein zum Schutz der Lebensqualität in Flörsheim misst den Lautstärke eines Fliegers. Foto: dpa

Anders als von Fraport angekündigt, querten die Flieger die Stadt nicht auf einem schmalen Landestrahl, sondern in einem breiten Korridor mit deutlichen Abweichungen von der in den Karten eingezeichneten Linie. Fast das gesamte Neubaugebiet liege jetzt bei Ostwind unter einem Lärmteppich. „Am Freitagmittag haben wir noch gesagt, hier kriegt uns keiner weg“, sagt Hildegund Klockner. „Seit Sonntag steht fest, dass wir aus Flörsheim wegziehen.“ Der Lärm sei unerträglich. Das Haus, in das sie erst 1998 eingezogen sind, können die Klockners der Fraport zum Kauf anbieten. Es liegt in der so genannten Kernzone des Casa-Programms. Der Flughafenbetreiber hat zugesagt, es zu kaufen. Ein Fraport-Mitarbeiter habe ihr unlängst sogar indirekt dazu geraten, sagt Hildegund Klockner.

Josef Auth dagegen hat schlechte Karten. Sein Grundstück liegt zwar nur wenige Meter entfernt auf der anderen Straßenseite, es fällt aber nicht mehr in den von Fraport errechneten Lärmkorridor. Er bekommt nur Schallschutzfenster. Und das, obwohl er einen schlagkräftigen Beweis hat, dass die Flugzeuge über sein Haus fliegen. Eine schmutzig graue schmierige Flüssigkeit regnete am Montag aus dem Himmel auf Dach und Auto. Worum es sich dabei handelte, sei noch nicht geklärt, sagte Fraport-Sprecher Schwalm der FR. „Die Flüssigkeit wird gerade im Labor untersucht.“

Gut zu tun haben seit Anfang der Woche die Flörsheimer Rathausmitarbeiter. Viele Bürger seien seit Eröffnung der neuen Landebahn im Stadtplanungsamt vorstellig geworden, um Bauunterlagen für ihre Häuser und Wohnungen abzuholen, so Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD).

Sie müssen den Antragsunterlagen für Lärmschutzfenster beigefügt werden. Ohne Lärmschutz sei es im Norden der Stadt nicht auszuhalten. Auch städtische Einrichtungen seien betroffen – zwei Kindergärten, die Feuerwehr und die Polizeistation. „Auch als Stadt werden wir Anträge stellen, um Schallschutzfenster zu bekommen“, sagt Antenbrink.

„Unsere schlimmsten Erwartungen sind übertroffen“ – so kommentierte Landrat Michael Cyriax (CDU) die Lärmhölle über Flörsheim. Er will darauf drängen, dass die zugesagten Routen und Korridore eingehalten werden, fordert von Land und Fraport außerdem großzügigere Ausgleichszahlungen, weil offenbar weit mehr Menschen vom Fluglärm betroffen seien als bisher angenommen. Der Kreis ist auch als Schulträger betroffen. Die Paul-Maar-Grundschule liegt in der Einflugschneise. Heute kommt dort die Schulkonferenz zusammen, um weitere Schritte zu beraten.

Für massive Proteste und Aktionen gegen die Folgen der Nordwestlandebahn hat sich die Grüne Alternative Liste Flörsheim (Galf) ausgesprochen. Politisch Verantwortliche, Fraport und Luftfahrtindustrie müsste deutlich gemacht werden, dass Flörsheim die aktuelle Situation nicht klaglos hinnehmen werde. „Der Fluglärm macht die Stadt unbewohnbar“, sagt der stellvertretende Galf-Fraktionsvorsitzende Sven Hess, dessen Haus in der neuen Einflugschneise steht. An einem Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr führe kein Weg vorbei.

Wenn am Freitag, 4. November, das Fraport-Infomobil in Flörsheim Station macht, werden die Mitarbeiter des Flughafenbetreibers viel zu tun bekommen. „Wir rufen die Bürger auf, sich dort zu artikulieren“, sagt Hans-Jakob Gall. Eine Delegation der Stadt wird am kommenden Dienstag, 1. November, außerdem zur Sondersitzung des Landtags nach Wiesbaden fahren. Auf der Tagesordnung steht eine Debatte über das Nachflugverbot.